Der Nelkenapfel der Kurden
Ein Symbol für die Liebe - und eine Erinnerung an den Genozid / Von Devriş Çimen SULAIMANIYAH, im Juli. Sara Osman Nouri ist traurig. Alle Welt spricht über die Kriege im Nahen Osten und über die Gewalt. Wer aber, fragt ...
Ein Symbol für die Liebe - und eine Erinnerung an den Genozid / Von Devriş Çimen
SULAIMANIYAH, im Juli. Sara Osman Nouri ist traurig. Alle Welt spricht über die Kriege im Nahen Osten und über die Gewalt. Wer aber, fragt sie, kenne denn die schönen Geschichten aus dem Orient, Geschichten wie die des Nelkenapfels, des Sêva Mêxekrêj? In ihrer Hand hält sie einen solchen Apfel, vollgesteckt mit Nelken. Die Fünfundzwanzigjährige atmet den Duft ein und strahlt vor Glück. Seit ihrer Kindheit nimmt sie Äpfel, steckt auf sie Nelkenköpfe und verteilt ihr Werk an Verwandte, Freunde, Unbekannte.
Heute studiert sie Kunst in Sulaimaniyah, einer Stadt im Irakisch-Kurdistan. Weil es früher in Kurdistan keine Impfung gegen Kinderlähmung gegeben hatte, ist sie körperlich behindert. Der Nelkenapfel hat ihr immer wieder geholfen, hat ihr Kraft gegeben und hat sie motiviert, hat ihr einen Glauben an die Zukunft gegeben. „Schließlich trägt jeder, der einen Nelkenapfel bekommt, meine Arbeit mit sich in die Zukunft”, sagt sie - und damit die Botschaft von Liebe und Frieden, von Freundschaft und von Aufrichtigkeit.
Die Kurden verknüpfen seit alters mit dem Nelkenapfel diese Bedeutungen. Nesrîn Sarwat ist 80 Jahre alt und stammt aus Mahabad, einer Stadt im Osten Kurdistans, also in Iran. Dort hätten die Kurden, wenn sie ein Versprechen gaben, als Beweis ihrer Aufrichtigkeit dem Gegenüber stets einen Nelkenapfel geschenkt, sagt die alte Frau. Und stritten zwei Leute und suchte einer der beiden die Versöhnung, schickte er dem anderen einen solchen Nelkenapfel. Der Nelkenapfel also auch ein Friedensbotschafter. Mit Tränen in den Augen erzählt sie dann: „Als mein Vater vor Jahren starb, hatte er noch immer den Nelkenapfel, den ihm meine Mutter geschenkt hatte. So gingen die Liebe und Aufrichtigkeit zwischen den beiden nicht verloren.”
In Ostkurdistan hatte der Nelkenapfel noch eine andere Aufgabe: Junge Frauen verwendeten ihn, um ihren Liebsten ihre Liebe zu gestehen. Oft waren die Frauen zu schüchtern, um ihre Liebe in Worten zu äußern, also schenkten sie ihren Liebsten den Nelkenapfel als Zeichen ihrer Liebe. So tritt der Nelkenapfel in vielen alten Liebesgeschichten auf. Manche behaupten sogar, der Ursprung reiche bis in die Zeit Zarathustras zurück, in die Zeit des Begründers der Religion des Zoroastrismus.
Die Herstellung eines Nelkenapfels kann bis zu zwei Stunden dauern kann. Der Apfel muss besonders groß sein. Denn wenn er trocknet, schrumpft seine Größe um ein Drittel. Dann aber sitzen die Nelken noch fester im Apfel. So kann der Apfel über Jahrzehnte aufbewahrt werden. Betröpfelt man den Nelkenapfel von Zeit zu Zeit mit etwas Wasser, verbreiten die Nelken von Neuem ihren Duft.
Erst in jünerer Zeit gelangte diese Tradition auch in andere kurdische Regionen, etwa im Irak. Sara Oman Nouri kauft für 25.000 Dinar, etwa 20 Euro, in Sulaimaniyah ein Kilo Nelken und kann damit acht oder neun Äpfel bestücken. Einen festen Preis für ihre Äpfel hat sie nicht, einen Preis für ihre Arbeit will sie nicht festsetzen. „Wer es mir abnimmt, soll den selbst festlegen. Der Apfel soll ja Freude verbreiten.”
Sie ist seit 2003 Mitglied in der Behinderten-Vereinigung in Kurdistan in Sulaimaniyah, seit zwei Jahren gehört sie dem Vorstand an. In der Vereinigung zeigt die Kunststudentin anderen körperlich behinderten Menschen, wie man Kunstwerke herstellt, auch den Nelkenapfel. So wie sie es seit ihrer Kindheit macht und dadurch anderen eine Freude bereitet.
In Südkurdistan, bei den irakischen Kurden, ist der Nelkenapfel erst in den letzten Jahren populär geworden. Man findet ihn auf Märkten und als Dekoration in den Wohnungen. Zudem wird seit 2010 an jedem 14. Februar in Südkurdistan der „Nationale Tag des Nelkenapfels” begangen. Denn der Valentinstag wurde zum Gedenktag für die Opfer Anfal-Kampagne des und des Halabdscha Massakers. Der irakische Diktator Saddam Hussein ließ 1988 und 1989 im Rahmen der Anfal-Kampagne 180.000 Kurden töten. Dabei wurde am 16. März 1988 die kurdische Stadt Halabdscha mit Giftgas angegriffen, 5000 Menschen getötet wurden.
Als Symbol des versuchten Genozids erinnert der Apfel an den Geruch des Giftgases, die Nelken stehen für das Leben und die Vitalität. Die Idee, den Nelkenapfel zum Symbol für diesen Gedenktag zu nehmen, hatte 2004 der ostkurdische Künstler Seywan Saedian im Rahmen einer Projektarbeit zum Gedenken an die Todesopfer des Genozids an den Kurden im Irak unter Saddam Hussein. Der Nelkenapfel soll dabei die Menschen ermahnen, das Erlebte nicht zu vergessen und für eine friedliche Zukunft einzustehen. Das sei der Durchbruch für den Nelkenapfel auch in Südkurdistan, sagt Şivan Zewar im Künstleratelier „Peşengey Wanya” in Sulamaniyah.
„Wir wollen diese schöne Tradition auch hier aufrecht erhalten”, so Zewar weiter. Denn heute erinnert dieser mit Nelken bedeckte Apfel die Kurden an die Genozide von Saddam Hussein ebenso wie er auch ein Symbol für die Liebe, des Friedens und der Aufrichtigkeit ist. In Kurdistan ist die Liebe eben von der ledivollen Geschichte nie weit entfernt. Und so sagt die behinderte Kunststudentin Sara Osman Nouri: „Am liebsten würde ich allen Menschen so einen Nelkenapfel schenken.“