Der Herr des Wassers

Im Frühling zieht in den kurdischen Bergen der Mirav los, der Bäche reinigt und pflegt / Von Devriş Çimen ARBIL, im April. Wenn es in den Bergen aufgehört hat zu regnen und der Frühling da ist, dann zieht jedes Jahr der ...

Im Frühling zieht in den kurdischen Bergen der Mirav los, der Bäche reinigt und pflegt / Von Devriş Çimen

ARBIL, im April. Wenn es in den Bergen aufgehört hat zu regnen und der Frühling da ist, dann zieht jedes Jahr der Mirav los, der „Herr des Wassers“. Im Morgengrauen steigt er fünf Monate lang jeden Tag bergan, bis er die Quelle des Wassers erreicht hat. Er kontrolliert den Verlauf des Stroms, hält ihn instand, entfernt Steine, Äste und andere Gegenstände aus dem Bach, behebt die Schäden, die im Winter und Frühling entstanden sind. Denn nur so kann der Strom den Dörfern als Lebensquell dienen. Wenn der Mirav abends in sein zweistöckiges Haus aus Erde und Stein in eines der Dörfer des Kandilgebirges zurückkehrt, ist die Sonne bereits untergegangen.

Hasan Mankak wird wegen seiner Arbeit Mirav genannt. Das Wort setzt sich aus den kurdischen Wörtern „mir“ (der Herr) und „av“ (das Wasser) zusammen. In jedem Frühling kommen im Nordirak in den kurdischen Kandilbergen, noch bevor der Regen aufgehört hat, die Ältesten in den Dörfern Sinemoke, Surede, Aşgulkey und Sergenilye zusammen, um für die Zeit von Anfang Juni bis Ende Oktober einen Mirav zu wählen. Die Dörfer liegen nordöstlich des Dokan-Sees, den viele Bäche aus den Bergen speisen.

Der Mirav dieser Dörfer steht in einer langen Tradition. Den alten Religionen Mesopotamiens war das Wasser heilig. Die Sumerer und die Zoroastrier hatten dem Wasser eine Rolle bei der Schöpfung zugeschrieben und auch göttliche Attribute. Seine Beschmutzung galt als Sünde. Im Avesta, dem heiligen Buch Zarathustras, wird das Wasser Ahura, dem „Herrn“, gleichgestellt. Der Engel Apamnapat ist allein damit betraut, das Wasser zu schützen.

Heute schützt Hasan Mankak wie Apamnapat das Wasser des Gebirges. Seine Rolle ähnelt dem zoroastrischen Engel auch deshalb, weil er dafür zu sorgen hat, dass das Wasser des Stroms gerecht auf die umliegenden Dörfer verteilt wird.

„Denn wenn es das Wasser dieses Stroms nicht gäbe, dann gäbe es in den Dörfern auch kein Leben. Alles wäre trocken, die Menschen würden die Dörfer verlassen. Der Strom ist daher nicht nur eine Wasserquelle, sondern die Quelle des Lebens.“ Und so verwandelt er die Täler und Ausläufer der Kandilberge, die den Horizont übersteigen, in ein buntes Paradies Natur. Viele Flüsse und Bäche haben dort unzählige Gebirgsspalten geschaffen. In ihren labyrinthartigen Wegen sucht sich das Wasser seinen Weg hinab in die Täler.

Der Winter war hart und schneereich. Die Bewohner betrachten den Wechsel der Jahreszeiten, der im Süden Kurdistans sehr ausgeprägt ist, als einen Segen. Während der Schnee langsam schmilzt, entstehen Rinnsale, die zu kleinen Bächen anschwellen. Ihr Wasser ist so kalt, dass man es kaum wagt, mit der Hand hineinzufassen. Der 70 Jahre alte Mirav, der über seiner kurdischen Tracht den Sutik trägt, einen breiten Wickelgürtel, taucht seine Hände in das kalte Wasser und trinkt es. Mit dem Beginn des Sommers werde die Erde trockener, mehr Wasser werde benötigt, sagt er. Dann sei es besonders wichtig, darauf zu achten, dass die Ströme an keiner Stelle unnötig Wasser verlören.

Mit seinen abgenutzten Schuhen bewegt er sich schnellen Schrittes auf einen anderen Wasserlauf zu, geht zwischen Obstbäumen, die Feigen, Granatäpfel oder Walnüsse tragen. Die vier Dörfer Sinemoke, Surede, Aşgulkey und Sergenilye sind umgeben von Gärten. Üppig wachsen Weinreben und Feigen, Granatäpfel, Maulbeeren und Pfirsiche. Jedes Dorf besteht aus etwa 50 Häusern. Hasan Mankak, der auch Onkel genannt wird, sagt, er sei ein alter Kommunist. Das passt zu seiner Tätigkeit als Mirav, der darüber wachen soll, dass das Wasser gerecht auf die Dörfer verteilt wird. Alle zwei Tage leitet er dazu den Strom um. So ist jedes der vier Dörfer, die von dem Strom leben, für jeweils zwei Tage an der Reihe.

Manchmal benötige er für die Umleitung zwar eine Schaufel, sagt Hasan. In der Regel reiche es aber, mit den passenden Steinen den Verlauf des Stroms geschickt in die richtige Richtung zu lenken. Dadurch stelle er sicher, dass Wasser vom Hauptstrom über kleinere Kanäle in das jeweilige Dorf gelange, das gerade versorgt werde. Über die Kanäle fließt das Wasser zu den Häusern und den Gärten. Das genügt, um den Wasserbedarf der Bewohner sowie ihrer Tiere und Felder zu decken. Dazu muss die Verteilung jedoch gerecht verlaufen. Gerade deswegen werden nur Menschen, denen alle Vertrauen schenken, zum Mirav gewählt. Falls einmal jemand auf eigene Faust den Strom umleiten würde, gäbe es Ärger, sagt der Mirav. „Dann muss ich den Betreffenden aufsuchen und mich mit ihm leider Gottes streiten. In Ruhe erkläre ich ihm, dass dieses Verhalten nicht richtig ist. Die meisten sehen es ein und entschuldigen sich.“

Ein Beruf sei der Mirav nicht, erläutert der Onkel. Es sei Dienst an der Gesellschaft, ein freiwilliger Dienst. Man müsse sich dazu berufen fühlen. Nur Menschen, die gerne einen Dienst für ihre Mitmenschen leisteten, könnten die Verantwortung übernehmen. Letztlich sei die Aufgabe auch ein Dienst an der Natur und am Wasser selbst. Reich werde man damit nicht. Am Ende seiner „Amtszeit“ sammeln die Dorfbewohner ein wenig Geld für den Mirav.

In den großen Städten findet man die Arbeit des Mirav nicht mehr. Öffentliche Dienstleister haben dort die Wasserversorgung übernommen, diskutiert wird über die Privatisierung des Wassers. Das Wasser ist nicht mehr heilig, sondern wird eine Ware. Früher waren entlang von Euphrat und Tigris und am Nil große Zivilisationen entstanden. Bald könnten die Kriege des Nahen Ostens auch um das knapper werdende Wasser geführt werden. Staudämme werden als Druckmittel gegen Nachbarn eingesetzt, Wasser wird verschmutzt – und sauberes Wasser gibt es nur noch in Plastikflaschen.